Bericht zur Sommerwoche 2026 in Gernrode
In der ersten Augustwoche fand die 47. Gregorianische Sommerwoche in Gernrode statt. Ein
Konvent von über 30 Teilnehmenden feierte die täglichen Stundengebete und die Messe am Ende
der Woche in der schönen ottonischen Stiftskirche St. Cyriakus. Dieses Mal waren auch einige
„Neue“ dabei, entweder zum ersten Mal in Gernrode oder überhaupt in einer Woche der KAA.
Unter bewährter Leitung von Kantorin Christine Unger wurden die Gesänge des Mittwoch und der
Messe eingeübt. Es gab zwei Scholen, die jeweils für bestimmte Horen oder Teile der Messe
zuständig waren. Das Studium in dieser Woche über „Thomas Müntzer – Liturgie und Bauernkrieg“
leitete OKR und Präses der KAA, Pfr. Dr. Thomas Bergholz, der auch die Messe zelebrierte.
(Zum Studium siehe der eigene Bericht von Elisabeth Dickmann!) Messeprediger war PR i.R.
Wolfgang Kramer aus Stuttgart. Außerdem wurden die Gemeindegottesdienste von Pfr. Alexander
Beck und Pfr.i.R. Klaus Wunsch übernommen; in letzterem Gottesdienst am 10. Sonntag n.Trin. sang
auch der in der Woche entstandene gemischte Chor. Die Homilien während der Woche wurden
wieder von Walter J. Pehl gehalten. So haben viele Dienste diese Woche gelingen lassen; nicht nur
die hier namentlich aufgeführten Personen, sondern auch die begleitenden, treuen Handreichungen
seitens einiger Konventualen haben das Leben in dieser besonderen Gemeinschaft gestärkt.
Gemeinsame Unternehmungen bei der Gernröder Woche haben wieder in bewährter Weise
stattgefunden, so der Bunte Abend, ein Nachmittagsausflug nach Quedlinburg und das Singen im
Altersheim Hagenthal. Beim traditionellen Totengedenken am ersten Sonntagabend gedachten wir
in diesem Jahr unserer lieben Verstorbenen Helga v. Strauch, Ingrid Winkelmann, Gabriele und
Michael Müller. Und diejenigen, die aus Krankheits- oder Altersgründen nicht haben zu dieser
Woche kommen können, blieben in Grüßen und Gebeten trotzdem präsent. So ist eine Woche der
KAA immer auch ein Zeichen der Verbundenheit über die vor Ort lebende Gemeinschaft hinaus.
Käthe Lange
Das Thema des diesjährigen Studiums war der Reformator Thomas Müntzer,
vorgetragen durch Dr. Thomas Bergholz aus seinem umfangreichen
Forschungsmaterial.
Den Anfang machte der umfangreiche DEFA–Film von 1956 „Thomas Müntzer – eine
deutsche Geschichte“. Es handelt sich um einen Historienfilm in großer Aufmachung,
in der gezeigten Originalfassung überlang und propagandistisch überlagert. Die Rolle
des Priesters Thomas Müntzer als Reformator und Revolutionär (Darsteller:
Wolfgang Stumpf) wird hier auf seine Bedeutung als Bauernanführer in den Jahren
1521-1525 reduziert. Etliche falsche Details in Requisite und Chronologie belegen
das Desinteresse der Produzenten an historischer Genauigkeit.
Diese entrollte uns Dr. Bergholz an den Vortragsthemen 1. Biografie Thomas
Müntzers, 2. seine Theologie, 3. die Liturgiereform Müntzers.
Dessen unruhiges Leben als Honorargeistlicher, ohne je eine längere, feste
Pfarrstelle zu haben, seine Wanderungen zwischen Zwickau, Leipzig, Prag, Allstedt
und Wittenberg bringen ihn in den inneren Kreis der lutherischen Reformatoren. Aber
er entwickelt eine eigene Vorstellung von der Aufgabe eines Christenmenschen, eine
mystische Spiritualität, eine Verklärung des individuellen Leidens als Vorbedingung
einer Verbindung mit Gott – die ‚Unio mystica‘ des Johannes Tauler, dem auch die
Hussiten anhingen. In Prag entsteht seine erste Schrift, das Prager Manifest, in dem
er heftige Angriffe gegen die Amtskirche führt und die individuelle Gotteserfahrung als
einzig gangbaren Weg propagiert. Seine Vorstellung, in einer Endzeit zu leben,
verdichtet sich immer mehr, verbunden mit großen Ängsten um sein Seelenheil.
Das steht aber nicht im Widerspruch zu seinem sozialen Empfinden für die Leiden
der Armen und Unterdrückten, insbesondere der Landarbeiterschaft. Hier muss
tatkräftige Abhilfe und Gegenwehr geschaffen werden. So schließt er sich einzelnen
Gruppen aufständischer Bauern an und ruft zu immer neuem Widerstand gegen
Landbesitzer und Verwalter auf. Das führt letztendlich zu der grausamen Niederlage
der Bauernheere 1525 bei Frankenhausen, die auch Müntzer in Gefangenschaft und
den Tod durch Hinrichtung führt.
Von besonderem Interesse für den Konvent waren die ausführlichen Erläuterungen
zur Liturgie und Gottesdienstreform Thomas Müntzers. Gottesdienste müssten in
deutscher Sprache abgehalten, das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht und die
Gemeinde intensiver beteiligt werden. Religiöse Unterweisung der Laien sei
unerlässlich. Müntzer versuchte sich auch in der Psalmenübersetzung aus der
lateinischen Vulgata, wobei er manch eigene Vorstellung einfließen ließ. – Müntzers
Schrift „Ordnung und Bedeutung des Deutschen Amtes zu Allstedt“ von 1523/24 ist
nicht direkt als Messbuch zu lesen, sondern enthält seine Vorstellungen für
notwendige Veränderungen, eine Art Rechenschaftsbericht seiner reformatorischen
Absichten, die dann in der Ordnung für bestimmte Messen (Geburt Christi z.B.)
konkretisiert werden. Durchgesetzt hat sich sein Konzept in der Praxis der
evangelischen Messen nicht.